Pauline (Paula) Klein geb. Herz
In einem Gespräch über Stolpersteinverlegungen in Aachen bat mich (W. Felsch) der Aachener Autor Helmut Clahsen, bei der Beantragung von Stolpersteinen gelegentlich auch einmal an seine Mutter Else Clahsen und seine Großmutter Paula Klein zu denken. Helmut Clahsen verstarb Ende 2015.
Über das Schicksal seiner Großmutter Paula Klein liegen schriftliche Aufzeichnungen von ihm vor, die größtenteils in seinem Buch Mama, was ist ein Judenbalg und als Kurzbiographien im Gedenkbuch für die Opfer der Shoah aus Aachen veröffentlicht wurden. Siehe auch den Film über Helmuth Clahsen unter https://www.youtube.com/watch?v=-ateoEfO4ts (Regie: Dr. Herbert Ruland, GrenzgeschichteDG Eupen).
Pauline (Paula) Klein geb. Herz wurde am 29. August 1869 in Aachen als fünftes von acht Kindern des Ehepaares Abraham Herz und Lisette geb. Heinemann geboren. Sie heiratete den am 23.3.1868 geborenen Versicherungsagenten Sigmund Klein, der u.a. in der Liste der einkommenssteuerpflichtigen Mitglieder der Aachener Synagogengemeinde 1895/96 aufgeführt ist.
Das Paar hatte drei Kinder, den 1898 geborenen Sohn Walter, den 1899 geborenen Sohn Erich Jakob, der nur 12 Tage alt wurde, und die 1901 geborenen Tochter Else.
Tragischerweise verstarb Sigmund Klein schon vor der Geburt der Tochter im März 1901 im Alter von nur 32 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Lütticher Straße beigesetzt. Im Aachener Anzeiger – Politisches Tageblatt vom 2. April 1901 erschien die folgende Anzeige:
Um die Familie durchzubringen, übernahm die junge Witwe eine Zigarrenhandlung am Büchel, die sie dort von 1902 bis mindestens 1933 betrieb. Sie wohnte auch mit ihren Kindern im Haus Büchel 42.
Adressbucheintrag im Straßenregister zum Büchel von 1914:
Ab 1927 ist sie dort auch als Verwalterin (V.) eingetragen:
Ihr Sohn Walter wurde Kaufmann und zog in den frühen 20er Jahren nach Bonn-Beuel. Von dort wurde er 1942 mit seiner Frau und seiner Tochter deportiert. Alle drei wurden ermordet.
Die Tochter Else wurde Konzertpianistin und heiratete 1928 den Aachener Katholiken und Städtischen Angestellten Heinrich Clahsen.
Wie ihr Enkel berichtet, musste Paula Klein Mitte der 30er Jahre ihr Geschäft aufgeben und 1937 in ein kleines, von ihr „Mausefalle“ genanntes Zimmer im Haus Korneliusstraße 26, heute Mefferdatisstraße, umziehen. Im selben Haus wohnte ein NSDAP-Mitglied, der sie zeitweise schützen konnte und sie auch regelmäßig mit Lebensmitteln unterstützte. Nach Erinnerungen von Helmut Clahsen wurde sie jedoch schließlich von einer Schwester ihres katholischen Schwiegersohnes denunziert.
Im März 1941 musste sie infolgedessen auch diese Wohnung verlassen und ins jüdische Altenheim Kalverbenden umsiedeln. Am 25.7.1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und von dort am 15. Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau, wo sie vermutlich direkt nach der Ankunft in die Gaskammer geführt und ermordet wurde.
In seinem 2003 veröffentlichten Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?“ beschreibt Helmut Clahsen auch zahlreiche konkrete Erinnerungen an Situationen, die er zusammen mit seiner Großmutter in Aachen in den Jahren der Verfolgung bis zu ihrer Deportation durchlebt hat.
Stolpersteinverlegung am Büchel am 9. Juni 2022: