Herbert Kaufmann
Über das Schicksal von Herbert Kaufmann wissen wir einiges aus den Berichten seiner 1925 geborenen Halbschwester Ingeborg Kaufmann, die von ihrer katholischen Mutter katholisch erzogen wurde und mit ihrer Mutter und dem jüdischen Vater die Nazizeit überleben konnte. Viele Informationen stammen aus einem unveröffentlichten Manuskript über ihre Erfahrungen in der NS – Zeit, das Inge Kaufmann in den 1970er Jahren erstellt hat und das sich in Kopie u.a. bei der VHS Aachen befindet.
Herbert Kaufmann wurde am 22 März 1914 in Aachen geboren als Sohn des jüdischen Handelsvertreters Hermann Kaufmann und dessen ebenfalls jüdischer erster Ehefrau Karoline (Karla) geb. Meyer.
Als Herbert 5 Jahre alt war hatte er eine schlimme beidseitige Mittelohrvereiterung, die eine Operation in Düsseldorf notwendig machte. Dorthin zu kommen war nicht einfach, da Aachen nach dem Ende des 1.Weltkrieges von Belgien besetzt war und Düsseldorf von Frankreich.
Der Vater stellte Anträge bei den Besatzungsbehörden und bekam die Erlaubnis, seinen Sohn nach Düsseldorf ins Krankenhaus zu bringen, und auch einen Passierschein, um ihn am Wochenende dort besuchen zu können. Es dauerte lange, bis Herbert sich von diesem Eingriff erholte. Er schaffte es aber und wurde wieder ganz gesund bis auf Kopfschmerzen, die ihn von da an immer wieder einmal quälten.
Irgendwann in den frühen 20er Jahren trennten sich Herberts Eltern. Herbert blieb bei seinem Vater. Vermutlich hat sich seine Großmutter väterlicherseits Rosalie Kaufmann (geb. Kaufmann, *1853 in Kornelimünster) viel um ihn gekümmert.
Der Großvater Ferdinand Kaufmann (*1854 in Burtscheid) hatte in Aachen am Markt 26 eine Metzgerei. Er war aber schon im Dezember 1918 verstorben und ein Onkel von Herbert, Alfred Kaufmann, hatte das Geschäft übernommen. Die Großmutter lebte weiterhin in ihrem Haus am Markt 26.
1924 lernte Herberts Vater eine neue Frau kennen, Käthe Freitag (katholisch) aus Nürnberg, die die Filiale eines Nürnberger Miederwarengeschäftes in Aachen leitete.
Im Februar 1925 wurde Inge Kaufmann geboren, Herberts Halbschwester. Es gab einige Probleme – eine gemeinsame Wohnung für die neue Familie musste gesucht und eingerichtet werden, der Vater suchte eine neue Arbeit.
So wurde der 10jährige Herbert für ein Jahr zu den Eltern der Stiefmutter nach Nürnberg gebracht, die ihn wie einen eigenen Enkel aufnahmen. Er ging dort zur Schule und nahm auf eigenen Wunsch auch am katholischen Religionsunterricht teil, ging mit in die Schulmessen und war dort sogar Messdiener. Außerdem bekam er in Nürnberg Geigenunterricht, weil der Stiefgroßvater sehr musikalisch war. Nach seiner Rückkehr nach Aachen besuchte Herbert hier die Realschule.
Über das kleine Schwesterchen, das er bei der Rückkehr kennenlernte, soll er sich sehr gefreut haben. Und Inge Kaufmann berichtet, dass es immer so blieb: „Wenn mich je ein Mensch im Leben geliebt und verwöhnt hat, so ist es er gewesen, obwohl ich oft auch garstig zu ihm war, biß und kratzte…“
Es gab 6 Kinder aus der Großfamilie Kaufmann, die zusammen aufwuchsen: drei Große, darunter Herbert (*1914), Helmut (* 1915) und Edith (*1917) (Kinder von Fritz Kaufmann und Helene geb. Kahn, Charlottenstraße 29) und drei Kleine, darunter Inge (*1925) und die Vettern Ferdi (*1923) und Erich (*1932) (Kinder von Alfred Kaufmann und Ottilie geb. Gottlieb, Markt 30).
Alle Vettern und Kusinen waren jüdisch, nur Inge war wegen ihrer katholischen Mutter katholisch getauft.
Nach seinem Schulabschluss machte Herbert eine Lehre in einer Drogerie. Er wohnte weiterhin mit seinem Vater, seiner Stiefmutter und seiner Schwester in der Kaiserallee 122 (heute Oppenhoffallee).
Ingeborg Kaufmann erzählt, dass der große Bruder ihr oft Lakritz oder Veilchenpastillen aus der Drogerie mitbrache. Außerdem berichtet sie, dass der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, Davin Schoenberger, der in ihrer Nachbarschaft wohnte, ihrem Bruder des Öfteren, wenn in der Gemeinde ein Fest gefeiert wurde, eine Kleinigkeit „für dein kleines Schwesterchen“ mitgab.
Mitte der 30er Jahre emigrierte Herbert Kaufmann nach Belgien. Aus den Erinnerungen von Inge Kaufmann erfahren wir weiter, dass Herbert in Belgien in einem Kloster Arbeit fand, in einer Heil- und Pfleganstalt, wo er als Krankenpfleger arbeitete, und dass er in dieser Zeit zum katholischen Glauben übertrat. Zuletzt wohnte Herbert in Lüttich.
Herbert und seine Familie in Aachen konnten sich nur noch selten sehen. Einige Male konnte Inge Kaufmann ihn mit ihrer Mutter zusammen besuchen. Der Vater durfte als Jude nicht mehr über die Grenze. Inge Kaufmann berichtet, dass ihr Vater Hermann Kaufmann überlebt hat, weil er in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ lebte und seine Tochter katholisch getauft war. Dennoch hatte auch er viele Schikanen zu überstehen. (Er verlor seine Arbeitserlaubnis, war von den Lebensmittel- und Kleiderzuteilungen ausgeschlossen, durfte bei Bombenalarm nicht in den öffentlichen Luftschutzkeller …)
1942 hörten Herberts Briefe an seine Schwester plötzlich auf. Herbert Kaufmann wurde 1942 in Lüttich verhaftet und in Malines/Mechelen interniert. Am 4. August 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er am 21 August 1942 im Alter von 28 Jahren ermordet wurde.
Davon, dass er verhaftet worden war, erfuhr seine Familie in Aachen lange nichts. Nach der Kapitulation und dem Kriegsende versuchte der Vater im Juli 1945 bei den belgischen Behörden in Brüssel etwas über den Verbleib seines Sohnes zu erfahren. Im Amt traf er zufällig auf einen Auschwitzheimkehrer, der ihm berichtete, dass Herbert mit ihm zusammen deportiert worden war und dass von seinem Transport nur drei Menschen überlebt hätten.
Auf dem jüdischen Friedhof in Aachen an der Lütticher Straße wird auf dem Grabstein für seinen 1969 verstorbenen Vater Hermann Kaufmann auch an das Schicksal des Sohnes Herbert Kaufmann erinnert.