Hans Rosenberg
Hans Rosenberg wurde am 3.6.1906 in Aachen als drittes Kind des Aachener Tuchhändlers Emil Rosenberg und seiner Frau Anna geb. Amsberg geboren.
Hans Rosenberg wurde Tuchhändler wie sein Vater. Er stieg in die Leitung der Firma L. Rosenberg jr. und des 1932 gegründeten Unternehmens Aachener Kammgarn- und Feintuch GmbH mit Sitz in der Bahnhofstraße in Aachen ein. Am 21. November 1934 heiratete er Marianne Rosenthal, die 1914 in Aachen als Tochter des Landgerichtsdirektors Adolf Rosenthal und seiner Frau Gertrud geb. Heilbrunn (s.o. Stolpersteine Rosenthal) geboren wurde.
Das Paar bezog eine Wohnung in der Beselerstraße (heute Limburger Straße) 12. Marianne und Hans Rosenberg hatten zwei Söhne, den am 5. Februar1936 geborenen Peter Michael Louis Rosenberg und den am 10. April 1938 geborenen Ernest David Thomas Rosenberg. Marianne und Hans Rosenberg waren so vorausschauend, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder die britische Staatsangehörigkeit bekamen. Deshalb reiste Marianne Rosenberg, die zuvor ein Jahr in London als Au-pair-Mädchen gearbeitet hatte, jeweils zur Geburt der Kinder für einige Wochen nach London.
Tragischerweise hatte das junge Elternpaar im Juli 1938 am Kaninsberg einen Autounfall, an dessen Folgen Marianne Rosenberg am 7. Juli 1938 im Aachener Luisenhospital verstarb.
Wie wir aus erhalten gebliebenen Briefen aus den Jahren 1935/36 der mit der Familie Emil Rosenberg befreundeten Aachenerin Dora Francken an ihre Tochter in London wissen, hatte das junge Paar schon 1936 erwogen, in die Niederlande auszuwandern. Der Vater Emil Rosenberg hatte im September 1923 den Import- / Exportbetrieb Hakko in der holländischen Grenzstadt Lochem gegründet, der später nach Amsterdam umsiedelte. Ein Freund der Familie hatte dort die Geschäftsführung inne. Dadurch hatte Hans Rosenberg ein geschäftliches Standbein in den Niederlanden.
Unmittelbar nach der Reichspogromnacht im November 1938 emigrierte Hans Rosenberg dann tatsächlich nach Amsterdam. Zunächst ließ er die beiden kleinen Kinder in der Obhut seiner Schwiegereltern Rosenthal in der Frankenberger Straße 20. Nachdem Hans Rosenberg in Amsterdam eine Pflegemutter für die Kinder gefunden hatte, holte er sie Ende Januar 1939 nach.
Die Pflegemutter Hanni Battefeld zog mit ihrer kleinen Tochter Erica zu Hans Rosenberg und seinen Kindern. Mit der Zeit entwickelte sich ein Liebesverhältnis zwischen den beiden, sie verzichteten jedoch aus Sicherheitsgründen auf eine Heirat. Erica Albisser geb. Battefeld erinnert sich, dass „Papa Hans“ „Goldstäbchen“ aus Deutschland mitgebracht hatte, die ihnen halfen über die Hungerzeit zu kommen.
Das Foto zeigt Hans Rosenberg mit seinen beiden Söhnen in Amsterdam im Jahr 1939.
I
m Februar 1941 wurde Hans Rosenberg aus der niederländischen Widerstandsbewegung heraus gewarnt, dass er wegen Devisenvergehen von der deutschen Besatzung gesucht werde. Er war sicher, dass man ihm nichts nachweisen könne, und meldete sich deshalb bei den Behörden. Er wurde jedoch sofort verhaftet und im „Huis van Bewaring“ in Amsterdam inhaftiert, wo sich Hanni Battefeld und seine Söhne noch von ihm verabschieden konnten. Die beiden Kinder blieben in der Obhut ihrer Amsterdamer Pflegemutter.
Hans Rosenberg wurde bald nach Aachen überstellt. Ihm wurde der Prozess wegen Devisenschmuggels gemacht und er wurde zu einem Jahr Haft verurteilt. In einem Brief von Gertrud Rosenthal an Hanni Battefeld, in dem sie berichtet, dass sie ihren Schwiegersohn im Gefängnis besucht habe, heißt es: „der Hauptbelastungszeuge ist der ‚liebe’ Johannes, das war nun Jahre lang der Freund der Familie.“ Dabei handelte es sich um den aus Aachen stammenden langjährigen Geschäftsführer der Amsterdamer Firma.
Am 11. Mai 1941 wurde in Amsterdam Hanni Battefelds und Hans Rosenbergs Sohn Franklin geboren. Die Nachricht von der Geburt seines dritten Sohnes wurde Hans Rosenberg im Gefängnis übermittelt.
Als das Ehepaar Rosenthal den Schwiegersohn am Tag der Haftentlassung am Gefängnis abholen wollte, teilte man ihnen mit, dass Hans Rosenberg am Vortag abtransportiert worden sei. Dann hörte die Familie nichts mehr von ihm, bis in Amsterdam eine Sterbeurkunde aus Auschwitz ankam, in der bescheinigt wurde, dass Hans Rosenberg am 5. März 1943 in Auschwitz verstorben sei.
Die beiden Schwestern von Hans Rosenberg, denen die Flucht in die USA gelungen war und die in New York vom Tod ihres Bruders erfuhren, schalteten in der in New York erscheinenden deutsch-jüdischen Exilzeitung Aufbau am 19. November 1943 die folgende Todesanzeige:
Die beiden Kinder Peter Michael Louis und Ernest David Thomas (Tom) Rosenberg wurden am 24. März 1944 in Amsterdam verhaftet. Sie sollten in ein Vernichtungslager deportiert werden. Mit Hilfe des Roten Kreuzes konnte Hanni Battefeld erreichen, dass sie schließlich auf Grund ihrer englischen Staatsangehörigkeit nicht wie geplant in den Osten deportiert sondern in das Internierungslager Liebenau am Bodensee verbracht wurden, ein Lager für sogenannte „Austauschjuden“ mit ausländischer Staatsangehörigkeit.
Im Stadsarchief Amsterdam findet man die folgende Karteikarte
Rosenberg, Ernest David (Thomas) *10.4.38 in London, A’dam, v.Eeghenstr.187, med Peter Michael Louis *5.2.36. 23 Maart 1944 naar Liebenau (Zie aantekening in map „Juden ausländischer Staatsangehörigkeit“). Bevrijd in Liebenau 9-5-45. Oben der Zusatz: Terug uit Liebenau 18-6-45.
Und quer: volgens vreemdel.politie!
Hanni Battefeld hatte nichts mehr von den Kindern gehört und wusste auch nicht, ob sie noch lebten, bis sie am 15. Juli 1945 mitten in der Nacht von der Fremdenpolizei bei ihr abgeliefert wurden. Im März 1946 wurde Hanni Battefeld offiziell die Vormundschaft über die beiden Jungen übertragen, nachdem festgestellt worden war, dass der am 9. Dezember 1941 durch das Gericht in Amsterdam zum Vormund bestellte Dr. Louis Rosenberg, ein Cousin von Hans Rosenberg, der sich als Zahnarzt in Amsterdam niedergelassen hatte, ebenfalls im Holocaust umgekommen war.
Hanni Battefeld ist am 15. März 1959 in Amsterdam gestorben. Am 13. November 2012 wurde ihrer Tochter Erica Albisser-Battefeld in der Amsterdamer Portugiesischen Synagoge die Yad Vashem – Medaille der Gerechten überreicht, die ihrer verstorbenen Mutter Hanni Battefeld für die Rettung der beiden Rosenberg-Söhne verliehen worden war.
Der älteste Sohn von Hans Rosenberg, Peter, starb im Dezember 1998, der jüngste Sohn, Franklin, den Hans Rosenberg nie kennen lernen durfte, im Dezember 2006.
Der mittlere Sohn Tom Rosenberg (*1938) lebt heute (2025) noch in den Niederlanden. Wir haben ihn mit großem Glück über einen Eintrag in einem Gemeindebrief ausfindig machen können. Zur Verlegung der Stolpersteine für seine Großeltern am 2.11.2020 konnte er aufgrund der Corona-Pandemie nicht kommen. Wir schickten ihm die Texte und einige Fotos und er schrieb uns am 3.11.2020:
‚Wissen Sie, ich habe mein ganzes Leben gelebt mit ein Bewusstsein von einer Familie von etwa 7 – 8 Menschen. Von mehr wurde nie gesprochen. Was Sie gemacht haben, bedeutet dass ich jetzt in meinen 82e Lebensjahr einen ganzen Kreis von Menschen um mich herum fühle, die bei meiner Geburt größtenteils noch im Leben waren und zu denen ich gehöre. Das gibt ein „warmes Gefühl“.‘
Zur Verlegung des Stolpersteins zur Erinnerung an seinen Vater im Juni 2021 konnte er dann mit seiner Frau, einem Sohn, einem Sohn seines Bruders und dessen Tochter anreisen.
Am Tag nach der Verlegung schrieb Tom Rosenberg in einer Mail an die beteiligte Klasse:
„Liebe Schüler der Klasse 9d,
[…] Und als wir dann an die Limburger Straße kamen, wurde diese kleine viereckige Plakette eingegraben. Und ich merkte, dass das für mich ein ganz wichtiger Augenblick war. Da stand mein Vaters Namen. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Und dann habt ihr, ein nach dem anderen, die Biografie meines Vaters vorgelesen. Ja, natürlich kannte ich diese Biografie, denn ich hatte sie selbst geschrieben. Aber da zu stehen, der Stolperstein vor mir, und euch diese Biografie sprechen zu hören war tief eindruckend für mich.“
Tom Rosenberg (NL, *1938 in Aachen) Mail vom 25.6.2021
und einige Monate später:
„Die Stolperstein Verlegung meines Vaters ist ein Teil meines Lebens geworden. Ich bin noch immer erstaunt, wie tiefen Eindruck das auf mich und meine Frau gemacht hat. Wir beide haben immer ein Foto von diesem Ereignis in unseren Taschen.“
Tom Rosenberg, Mail vom 10.11.2021