Ida (geb. Kamp) und Dr. Paul Maas
Das Grab des Ehepaares Ida und Dr. Paul Maas befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Aachen in der Lüttischer Straße. Der Grabstein trägt die Inschrift
IHR LEBEN ENDETE GEMEINSAM IN NAZISTISCHER BEDRÄNGNIS
Diese Inschrift ist eine zurückhaltende Beschreibung der Tatsache, dass Ida und Paul Maas angesichts der drohenden Deportation ihrem Leben durch ihren gemeinsamen Suizid ein Ende setzten.
Ida Kamp wurde am 2. Juli 1875 (Die Jahresangabe auf dem Grabstein ist ebenso wie bei Paul Maas unrichtig.) in Aachen geboren als ältestes von sieben Kindern des Kaufmanns und Mitinhabers der Häute- und Lederhandlung Kamp & Cie (Jesuitenstraße 13) Hermann Kamp und dessen Ehefrau Jeanette geb. Franck. Während Idas Kindheit wohnte die Familie Kamp im Alexianergraben 35 und in der Michaelstraße 12.
Ida Kamp heiratete Paul Maas, der am 24. März 1873 in Trier als Sohn des Kaufmanns Albert Maas, Inhaber einer Buchdruckerei, Papierwarenfabrik und Papiergroßhandlung, und dessen Ehefrau Karoline geb. Mayer geboren wurde. Ostern 1892 bestand Paul Maas sein Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier und studierte dann Medizin an den Universitäten in München, Straßburg, Heidelberg und Bonn.
Im Jahre 1896 promovierte er an der medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Paul Maas praktizierte zunächst in Euskirchen als Spezialarzt für Ohren- Nasen- und Halskrankheiten. Zwischen 1903 und 1909 schrieb Paul Maas diverse wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Sprachstörungen bei Kindern.
In den Aachener Adressbüchern taucht Paul Maas zum ersten Mal 1903 auf mit dem Eintrag:
Maas, Dr. Paul, Spezialarzt für Ohren-, Nasen- und Halsleiden und Sprachstörungen. Institut für Sprachleidende und geistig Zurückgebliebene, Dahmengraben 12. Privatwohnung Boxgraben 24 .
Später praktizierte er in der Hochstraße 29 (heute Theaterstraße 51), der Wilhelmstraße 24 und schließlich ab 1922 im eigenen Haus in der Augustastraße 12.
Im Eintrag für das Haus Augustastraße 12 im Straßenverzeichnis des Adressbuchs von 1922 taucht auch der Name von Ida Maas als Bewohnerin auf.
Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise werden in den Adressbüchern dieser Zeit nur die Eigentümer (E) und die so genannten Haushaltsvorstände genannt.
Außer den Hinweisen auf die medizinische Tätigkeit von Dr. Maas finden sich bisher nur wenige Hinweise auf das Leben von Ida und Paul Maas in Aachen. Es lässt sich also nur ein eher verschwommenes Bild dieser beiden Menschen aus sehr kleinen Mosaikteilchen entwerfen.
Zwei Quellen, in denen ihre Namen auftauchen, sind die Todesanzeigen für Idas Mutter Jeanette Kamp und für ihre Schwester Grete Kamp in der Tageszeitung Aachener Anzeiger – Politisches Tagesblatt vom 26.12.1919 bzw. 24.3.1921. Ein Bruder von Ida Maas, Ludwig Kamp, war schon 1894 im Alter von 18 Jahren gestorben, eine Schwester, Hedwig Rosa Kamp, 1882 als Kleinkind und eine weitere Schwester, Emma Kamp, 1911 im Alter von 34 Jahren. Als Familie blieb ihr also nach 1921 nur ihre in Berlin lebende Schwester Anna Löwenstein, von der unten noch die Rede sein wird.
Ein Mosaikstück liefert die folgende Entdeckung: Im antiquarischen Buchhandel wird noch 2021 zum Preis von 275 € ein Exemplar der Habilitationsschrift des Aachener Germanisten Ludwig Strauß angeboten mit dem bewerbenden Text: „STRAUSS, Ludwig. Das Problem der Gemeinschaft in Hölderlins „Hyperion“. Lpz., Weber 1933, gr.8°, Or.-Kt.68 S.1.Ausg. d. Habilitation d. Verf. (Von dt. Poeterey 15). Vortitel m. eigenh. Widmung d. Verf. an seine Aachener Freunde Paul u. Ida Maas. Band teils leicht gebräunt bzw. fleckig, geringe Knickspuren.“ . Die handschriftliche Widmung lautet: „Paul und Ida Maas herzlichst zugeeignet – Aachen, Ende 1933 Ludwig Strauß“.
Dieser Freund des Ehepaares Maas, Ludwig Strauß (später Arieh Ludwig Strauss), war ein 1892 in Aachen geborener Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, der 1953 in Jerusalem verstarb. Ludwig Strauß heiratete 1925 Eva Buber, die Tochter von Martin und Paula Buber. Mit der oben zitierten Schrift habilitierte er sich 1929 an der TH Aachen und war seitdem dort als Privatdozent und Leiter des Deutschen Instituts tätig. Wie alle anderen Professoren der TH mit jüdischen Wurzeln wurde er im April 1933 beurlaubt. 1935 wanderte er mit der Familie nach Palästina aus.
Die Freundschaft mit dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, ein Interesse für Hölderlin, das passt zu den Bemerkungen über die Möglichkeit von Erholung und Vergessen durch Eintauchen in die Welt der Bücher und der Philosophie in dem einzigen uns überlieferten Brief des Paares, geschrieben im März 1942 an Mali und Otto Blumenthal, der weiter unten wiedergegeben wird.
Aus Einträgen in den veröffentlichten Tagebüchern (1939-1943) des wie Ludwig Strauß 1933 aus dem Dienst entlassenen ehemaligen Aachener Mathematikprofessors Otto Blumenthal lässt sich schließen, dass auch das Ehepaar Mali und Otto Blumenthal mit dem Ehepaar Maas freundschaftlich verbunden war und dass die Paare sich häufig gegenseitig besuchten, zehn Mal allein in der Zeit vom Januar 1939 bis zur Emigration der Blumenthals im Juli 1939. Der letzte Eintrag zu Maas in diesem Zeitraum sei hier zitiert:
24.6.1939 Abends mit Mali bei Maas mit vielen philosophischen Gesprächen.
Ab dem Jahr 1939 tauchen die Namen von Paul und Ida Maas weder im Namensregister des Aachener Adressbuches noch im Ärzteregister des Branchenverzeichnisses auf. Es findet sich lediglich noch bis 1940 der Hauseigentümer-Eintrag E. Maas, P., Dr., Facharzt im Straßenregister unter der Adresse Augustastraße 12. Im Mai 1941 wurden Ida und Paul Maas gezwungen, ihr Haus in der Augustastraße zu verlassen und in das Israelitische Altenheim in der Horst-Wessel-Straße (heute Kalverbenden) 27 umzuziehen.
Auch nach der Ausreise der Blumenthals in die Niederlande waren die Ehepaare Maas und Blumenthal in brieflichem Kontakt geblieben. Der Brief von Ida und Paul Maas an die Blumenthals in Utrecht vom 7.3.1942 ist im Familienarchiv der Blumenthals in London, England erhalten. Da der Brief einen authentischen Einblick in die Lage vermittelt, in der sich das Ehepaar Maas nach seinem erzwungenen Umzug fühlte, sei die Transkription des handschriftlichen Briefes hier in Gänze wiedergegeben:
Meine liebe Frau Blumenthal – wie oft habe ich so gedacht, aber Ihren lieben Namen als Anfang eines Briefes hinzusetzen, dazu fehlte mir die Entschlußkraft. Es ist in dem verflossenen Jahr so viel auf mich eingestürmt, daß ich es oft kaum ertragen konnte – das ist eine schlechte Vorbedingung zum Briefe schreiben und wenn ich es heute doch versuche, so ist der Anlaß in Ihrer Anfrage nach uns an Frau Amberg zu suchen, durch die wir nun auch Nachricht von Ihnen hatten, die wir sehr entbehrt haben, wenn auch völlig durch eigene Schuld. Wir sind seit dem 15. 5. hier im Heim, haben uns unser kleines Zimmer so gut eingerichtet, wie es möglich war und wenn es aufgeräumt ist, ist es ganz behaglich. Aber da es der einzige Raum ist, der zur Verfügung ist und alles in ihm geschehen muß, nebst Zimmerarbeit und Geschirr spülen und nur von uns beiden ohne Hülfe – und noch gelegentlichem Komplettierungskochen und gelegentlichem Wäschewaschen, so mögen Sie sich vorstellen, daß dieser aufgeräumte Zustand nicht allzu oft bei uns anzutreffen ist und wir selber auch nicht allzu aufgeräumt gestimmt sind. Mein Mann, als der Anpassungsfähigere hat es leichter als ich, deren Umstellungsfähigkeit die schlechteste Begabung ist. Aber durch eine gute, Konzentrationsvermögen beim Lesen, ist zu allem Negativen ein kleines Äquivalent geschaffen. Das Buch führt mich in eine Welt in der ich beheimatet bin und läßt mich den ganzen schweren Alltag vergessen. Gesundheitlich geht es mir meist sehr wenig gut, das ist ja kaum anders zu erwarten, doch hab ich meistens genug Geduld, mich mit allem Unbehagen abzufinden. –
Daß es Ihnen beiden wenigstens einigermaßen gut geht und daß Sie so weit es noch geht gute Nachricht von den Kindern haben, hat uns sehr erfreut. Wie herzlich wünscht man allen Eltern ein Wiedersehen mit ihren Kindern! Meine Schwester ist seit einem halben Jahr Großmutter einer kleinen Irene – ist es nicht ein schöner friedlicher Name? Aber das kleine Geschöpf lebt in Stockholm und meine Schwester hat nur die Gedankenfreude. Aber das ist auch eine und es tut so gut zu wissen, daß das Leben irgendwie noch seinen normalen Gang geht. Hoffentlich trifft dieser Brief Sie und Herrn Professor wohl an, wie herzlich wünschen mein Mann und ich Ihnen und den Kindern alles Gute!
Nehmen Sie beide allerherzlichste Grüße von meinem Mann und Ihrer
Ida Maas.
Lieber Herr Blumenthal! Meine Frau hat das Wesentliche über uns mitgeteilt, auch dass es mir gelungen ist mich etwas schneller auf das Leben im Heim umzustellen. Der Tag vergeht mit Hausarbeit, Besorgungen und Lektüre. Es wird Sie vielleicht interessieren, dass ich den 3. Band von Lietzmanns Geschichte der alten Kirche vor Kurzem gelesen habe und sehr begeistert von der ausgezeichneten Darstellung der Konstantinischen Zeit war. Die andern Bände haben mich auch von der Philosoph-Seite her sehr interessiert, besonders die Darstellung der Gnostik im I. die ich in der Ausführlichkeit noch nirgends gefunden habe. Wir hoffen, bald von Ihnen und Ihrer l. Frau etwas zu hören.
Herzlichste Grüße Ihr
Paul Maas.
Über das Bedrängende der Grundsituation hinaus vermittelt dieser Brief doch auch noch ein wenig von der Persönlichkeit der beiden Menschen Ida und Paul Maas.
Der jüdische Arzt Paul Maas beschäftigt sich in dieser Verfolgungssituation mit der Geschichte der alten Kirche und äußert sich „begeistert von der Darstellung der Konstantinischen Zeit“. Die philosophischen Zusammenhänge und Hintergründe interessieren ihn besonders.
Ida Maas beschreibt sich als in der Welt des Buches „beheimatet“ und schildert, wie sie aufgrund ihres guten „Konzentrationsvermögen[s] beim Lesen“ vieles von ihrem Unglück vergessen kann.
Und dann berichtet sie davon, wie gut es ihr tut „zu wissen, daß das Leben irgendwie noch seinen normalen Gang geht“, dass nämlich ihre Schwester sich über die Geburt eines Enkelkindes freuen kann – das allerdings weit weg in Schweden geboren wurde, so dass die Schwester „nur die Gedankenfreude“ hat. Und Ida Maas freut sich über den „schöne[n], friedliche[n] Name[n]“ der kleinen Irene – Eirene verkörpert den Frieden in der griechischen Mythologie.
Die kleine Irene war eine Enkelin von Ida Maas’ Schwester Anna Löwenstein geb. Kamp, deren Tochter Marianne nach Stockholm ausgewandert war. Anna hatte 1908 in Aachen den ebenfalls in Aachen geborenen Dr. Leo Löwenstein geheiratet und lebte in Berlin.
Im Jahr 2014 kam die in dem Brief von Ida Maas erwähnte „kleine Irene“ im Alter von 73 Jahren als Irene Hollander nach Aachen, um einem Festakt zu Ehren ihres Großvaters, des Schwagers von Ida und Paul Maas, Dr. Leo Löwenstein beizuwohnen. Im Gedenken an den aus Aachen stammenden Chemiker, Physiker, Erfinder und Gründer des Jüdischen Soldatenbundes wurde in Anwesenheit seiner Enkelin Irene Hollander aus Jerusalem und seines Enkels Dan Löwenstein aus Helsingborg (Großnichte und Großneffe des Ehepaares Maas) die ehemalige Gallwitz-Kaserne im Kornelimünsterweg in Dr.-Leo-Löwenstein-Kaserne umbenannt.
Am 22. Juni 1942 findet sich im Tagebuch von Otto Blumenthal der Eintrag:
Abschiedsbrief von Anna Amberg vor Deportation aus Aachen. Maas und Frau haben den Tod der Deportation vorgezogen. Trauriges Schicksal, mutige Menschen. Wir beide sehr ergriffen.
Am 15. Juni 1942 ging von Aachen aus ein Deportationszug in den Osten. Anna Amberg, auch eine Aachener Freundin des Ehepaares Blumenthal, wurde mit diesem Zug nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Auch Ida und Paul Maas waren für diesen Transport vorgesehen. Aufgrund der Ankündigung haben sie am 14. Juni 1942 ihrem Leben selber ein Ende gesetzt – wie die Grabinschrift sagt:
IHR LEBEN ENDETE GEMEINSAM
IN NAZISTISCHER BEDRÄNGNIS