Leopold, Lina und Liselotte Levy
Beim Pogromnachtgedenken auf dem Synagogenplatz am 9. November 2022, an dem wir mit einigen SchülerInnen (Franzi, Johannes, Laura, Mascha und Pia) mitgewirkt hatten, sprach uns Sebastian Levi an. Der junge Chilene war zum Masterstudium nach Aachen gekommen, in die Stadt in der sein nach Chile geflüchteter Großvater Walter Levy geboren wurde und aus der seine Urgroßeltern und seine Großtante deportiert worden waren. Er bat uns um Hilfe bei der Recherche nach dem genauen Schicksal seiner ermordeten Vorfahren und bei der Beantragung von Stolpersteinen zur Erinnerung an sie in Aachen. Franzi, Johannes, Laura, Mascha und Pia, die 2022 mit ihrer Klasse schon eine Stolpersteinverlegung begleitet hatten, erklärten sich sofort bereit, auch diese Verlegung, die dann am 8. September 2023 erfolgen konnte, mit zu gestalten.
Leopold Levy wurde am 25.5.1884 in Lünen geboren, seine Frau Lina geb. Sommer am 3.1.1885 in Willich.
Über Lina Sommer wissen wir aus den Meldedateien von Langenberg, dass sie im Jahr 1899 nach Langenberg gezogen ist und dort bei einem Arbeitgeber namens Weyl eine Lehre begonnen hat. Anhand der Aachener Adressbücher können wir nachvollziehen, dass Leopold Levy spätestens ab 1910 in Aachen lebte, zunächst von 1910 bis 1913 in der Deliusstraße.
Das Datum der Hochzeit ist uns nicht bekannt, aber vermutlich ist Lina Levy schon gemeinsam mit Leopold nach Aachen gekommen, denn am 15.5.1911 wurde der Sohn Walter Levy geboren. Die Geburt wurde im Aachener Anzeiger vom 16.5.1911 angezeigt.
Die Familie lebte über 20 Jahre ab 1914 in ihrer Wohnung im Pontwall 2. Am 14.1.1925 wurde dort auch das zweite Kind, die Tochter Liselotte Levy geboren. Auch ihre Geburt wurde von den jungen Eltern durch eine Familienanzeige im Aachener Anzeiger vom 15.1.1925 bekanntgegeben:
Leopold Levy war Kaufmann und führte mindestens von 1922 bis 1930 eine Strumpfgroßhandlung, die Chemnitzer Strumpfmanufaktur, zunächst in der Jakobstraße 9 und dann in der Hindenburgstraße 51. Zeitweise hat er auch als Abteilungsleiter im Kaufhaus Tietz gearbeitet hat. Es gibt in der Familie noch eine Ledermappe mit einer ausführlichen Widmung, die er dort von seinen Kollegen zum Abschied geschenkt bekam.
Am 2. November 1927 eröffnete in Aachen in der Comphausbadstraße 26 das Strumpfhaus Saxonia Sommer & Co als Spezialgeschäft für Strumpf- und Wirkwaren. Wie aus einem Eintrag ins Handelsregister vom 7. November 1927 hervorgeht, war Lina Levy, Kauffrau zu Aachen, eine von zwei persönlich haftenden Gesellschaftern dieses Unternehmens.
Hier eine Werbeanzeige aus dem Aachener Anzeiger vom 13.1.1928:
Der Sohn Walter Levy heiratete im Juli 1937 in Münster Liesel Schloss aus Wolfenbüttel und das junge Paar entschloss sich 1939, mit dem Baby Ralph über England nach Chile zu fliehen. In Santiago de Chile wurde im Jahre 1949 Ralphs Bruder Daniel Levy geboren.
Leopold und Lina Levy und ihre Tochter Liselotte blieben in Aachen. Das Foto von 1940 zeigt Lina und Leopold hinten in der Mitte und Liselotte vorne rechts.
Leopold Levy wurde mindestens ab Mai 1941 im Zwangsarbeiterlager in Walheim interniert und wurde dort zu schwerster Straßenarbeit gezwungen. In einem Brief an ihren Bruder Albert in Mannheim schreibt Lina Levy am 27. Mai 1941:
Sonntag war ich in Walheim um Leo zu seinem Geburtstag, er wurde am 25. Mai 57 Jahre, zu besuchen. 4 Wochen war er krankgeschrieben, weil er außer seinem doppelten Leistenbruch, den er sich bei der Straßenarbeit zuzog, auch eine schwere Augenentzündung hatte. Trotzdem durfte er nicht nach Hause – nur wenn er zum Arzt musste. Daran sieht man ja, daß es nichts als ein jüd. Gefangenenlager ist. […] Wenn nur unsere Passage nach USA bald beschafft werden kann – sonst kommt er nicht frei. Die Verwandten tun was sie nur können. Walter muss 1300 Dollar auftreiben.
Die Pläne zur Flucht konnten nicht verwirklicht werden. Deshalb wurde Leopold Levy nach Auflösung des Lagers in Walheim im November 1941 im Zwangsarbeiterlager Stolberg inhaftiert und musste für die Kali-Chemie Werke in Stolberg schuften.
Lina Levy und die Tochter Liselotte mussten in den letzten Monaten vor der Deportation in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Alexanderstraße 95 umziehen.
Am 15. Juni 1942 wurden alle 3 mit dem Deportationszug DA 22 ab Aachen nach Sobibor deportiert. Es gibt noch eine Postkarte, abgestempelt am 17. Juni 1942, die Liselotte Levy vom Deportationszug aus an ihren Onkel Albert Sommer in Mannheim geschrieben hat.
Meine Lieben!
Wir sind kurz vor Izbica und hoffen nun alle Lieben wiederzusehen. Es geht uns soweit gut. […] Wir bekamen noch nicht einmal einen Schluck Wasser obwohl in fast allen größeren Städten längerer Aufenthalt war. Na, es ist nun bald überstanden …
Fürs Erste lebt wohl, wenn Möglichkeit da ist bekommt Ihr Post. Nehmt nochmal die Versicherung daß wir tapfer durchhalten und nehmt 1000 l[iebe]. innige Grüße u. Küsse von Eurer Lotte
Danach gab es kein Lebenszeichen mehr von den Dreien. Nach den inzwischen bekannten Fakten über den Verlauf des Zuges sind sie wohl unmittelbar in das Vernichtungslager Sobibor transportiert und dort ermordet worden.
Bei der Verlegung der Stolpersteine am 8. September 2023 stellten die SchülerInnen zunächst das Leben und Verfolgungsschicksal von Lina, Leopold und Liselotte Levy vor und schlossen dann noch ein paar eigene Gedanken an:
„Besonders das Schicksal von Liselotte trifft uns sehr. Denn heute an diesem Tag sind wir fünf nur ein Jahr jünger als Liselotte in dem Jahr, in dem sie starb. Wir würden sie gerne fragen, was ihr Lieblingsfach in der Schule war, was sie gemacht hat, wenn sie sich mit ihren Freunden getroffen hat, und ganz allgemein, was für ein Mensch sie so war. Sie hätte es verdient, ihr eigenes Leben zu gestalten und ihre Träume zu verwirklichen, genauso wie wir es tun wollen.
Darum wollen wir jetzt ein Gedicht von Selma Meerbaum-Eisinger vorlesen, in dem sie ihren Wunsch zu leben ausdrückt. Selma Meerbaum Eisinger, von der einige Gedichte überliefert sind, war ein Jahr älter als Liselotte und wurde im selben Jahr ermordet.
„Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
Und möchte kämpfen und lieben und hassen
Und möchte den Himmel mit Händen fassen
Und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein. Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.“
Es war ihr Leben und darum ist es einfach so unfair, dass nur aufgrund von einem anderen Glauben ein Bruder seine Schwester und ein Sohn seine Eltern verlor. Dass eine Tochter und ihre Eltern sterben mussten. Wir haben jetzt die Verantwortung nicht nur Liselottes Geschichte, sondern auch Leopold, Linas und Walters Geschichte weiterzutragen!
Denn jeder Mensch, der im Holocaust unter den Nationalsozialisten litt oder sogar starb, ganz egal ob wir seine ganze Lebensgeschichte oder noch nicht einmal seinen Namen kennen, war einer zu viel!
Wir wollen uns erinnern und nicht vergessen und dadurch auch Mitverantwortung dafür übernehmen, dass so etwas nie wieder passiert.“
Zur Verlegung waren Sebastian Levis Eltern aus Chile angereist und sein noch hier geborener und als Baby geflohener Onkel Ralph Levi , Enkel von Lina und Leopold, der aus Altergründen nicht mehr selber anreisen konnte, war digital zugeschaltet und hatte eine Grußbotschaft geschrieben, die sein Neffe Sebastian vortrug:
„Guten Morgen. Als nächstes werde ich die Worte meines Onkels Ralph vorlesen, der von seinem Zuhause in Santiago de Chile aus dieser Zeremonie aufmerksam beiwohnt.
Mein Onkel Ralph Levi schreibt:
An alle Beteiligten von der Stadt Aachen, der Volkshochschule und dem Netzwerk Aachener Schulen gegen Gewalt und Rassismus, an die Schülerinnen des Einhard-Gymnasiums und Frau Felsch.
Sehr geehrte Anwesende, ich möchte mich kurz beteiligen im Namen unserer Familie.
Es ist eine große Ehre, dass AACHENER Gruppen und Bürger heute hier sind, um unserer LEVI-SOMMER-FAMILIE zu gedenken.
Es waren sehr traurige Zeiten, als meine Eltern und ich nach Chile auswanderten. Nur dank dieser mutigen Entscheidung meiner Eltern, mit ihrem Neugeborenen aus Deutschland zu fliehen, konnte ich dieses Jahr meinem 85. Geburtstag feiern und meine fünf wunderbaren Enkelkinder sind der Beweis dafür, dass sich die Zeiten verbessert haben, und geben mir Hoffnung und Energie für weitere Jahre.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich, nachdem ich 1938 in Sobernheim geboren wurde, meine Großeltern Leopold und Lina und meine schöne Tante Lieselotte persönlich auf einer Reise nach Aachen kennengelernt habe. Aber ich denke gerne, dass ich es getan habe und dass sie die glückliche Gelegenheit hatten, ihren ersten Enkel und Neffen kennenzulernen. Ich weiß, dass ein Teil der drei noch immer im Herzen unserer Familie lebt. Obwohl meine Eltern mir und meinem Bruder nicht viel über die Vergangenheit erzählten, bin ich mir sicher, dass uns durch Gesten, Bräuche und Sprüche etwas von ihnen vermittelt wurde.
Vielen Dank an alle Anwesenden, an die Nachkommen der Familie Sommer, der Familie Schloss und meinen Bruder und seine Familie aus Chile. Eine besondere Anerkennung gilt meinen Neffen Sebastian und Katia, die sich mit diesem wichtigen Thema beschäftigt haben und dies auch weiterhin tun werden.
Sehr gerne wären ich und meine Frau heute in Aachen dabei.
Eine liebevolle Umarmung aus Chile
RALPH LEVI UND FAMILIE
Daniel Levi, 1949 in Chile geborener Bruder von Ralph Levi, hielt danach eine bewegende Ansprache:
„Zunächst möchte ich mich ganz herzlich bei allen Menschen bedanken, die diese Zeremonie möglich gemacht haben, und bei allen, die heute hier anwesend sind.
Trotz der traurigen Geschichte, die wir über das Schicksal meiner Großeltern und meiner Tante gehört haben, die der Verfolgung in Deutschland nicht entkommen konnten, möchte ich Ihnen allen zum Ausdruck bringen, dass ich heute in meinem Herzen keinen Platz für Groll gegen dieses Land finde.
Ich weiß nicht, ob meine Eltern es richtig oder falsch gemacht haben, uns nicht viel über die Vergangenheit zu erzählen, aber sie haben uns nie Hass gegen Deutschland eingeflößt, ganz im Gegenteil. Trotz der notorischen Trauer, die sie darüber zeigten, dass sie ihre Heimat und ihre Familie zurückgelassen hatten, sprachen sie immer liebevoll mit uns über ihr Land, insbesondere mein Vater, der seine Heimatstadt Aachen stolz als eine wunderschöne Stadt beschrieb. Auch wenn sie nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben, kann ich sagen, dass sie sich bis zum Schluss immer als Deutsche gefühlt haben.
Diese Zeremonie stellt nicht nur eine große Ehre für unsere Familie dar, sondern auch einen großen und notwendigen Schritt zur Heilung einer familiären Wunde, die bisher keine wirkliche Chance zur Heilung hatte. Diese Zeremonie ist die einzige Gelegenheit, die wir hatten, um privat das Andenken meiner Großeltern und meiner Tante zu ehren. Sie hatten weder eine Beerdigung noch Grabsteine, daher ist diese Zeremonie für uns heute wie eine Art Trauerfeier, die wir nie hatten, und der Abschluss eines Kreises von Fragen und Unklarheiten. Endlich haben wir nun etwas Greifbares, das uns an sie erinnert, uns zeigt, dass sie wirklich hier existierten und lebten, und die historischen Fakten ihres Schicksals für zukünftige Generationen beschreibt.
Aus diesem Grund ist das Gefühl, das mich durchströmt, eher das Gefühl von Frieden, Hoffnung und Dankbarkeit. Dankbarkeit an die wunderbaren Menschen, die in dieser Stadt leben und dies möglich gemacht haben. Ich glaube, dass sie auch versuchen, Wunden aus der Vergangenheit zu heilen und Hoffnung für die Zukunft zu suchen.
Vielen Dank.”
Daniel Levy mit der Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen beim Empfang im Aachener Rathaus:
Auch die heimische Synagogengemeinde in Valdivia in Chile hat die Stolpersteinverlegung gewürdigt und eine Dankesurkunde für uns erstellt, die der Gemeindevorstand hier an Daniel Levi übergibt und die Sebastian Levi an mich weiterreicht:
Fotos von der Zeremonie bei der Verlegung der Stolpersteine
Angehörige der Familie Levy
Johannes, Pia, Mascha, Laura und Franzi bei der Verlegezeremonie
Schließlich wollen wir auch noch einen langen Leserbrief eines Nachfahren der Familie aus dem Rhein-Neckar-Kreis dokumentieren, der am 11. November 2023 anlässlich des Pogromnachtgedenkens in der Schwetzinger Zeitung / Hockenheimer Tageszeitung (Link) erschien.