Mali (geb. Ebstein), Margrete und Ernst Blumenthal

Mali (Amalie) Blumenthal geb. Ebstein wurde am 5. September 1876 in Göttingen geboren. Ihre Eltern, der Medizinprofessor Wilhelm Ebstein und seine Frau Elfriede geborene Nicolaier, hatten bis zum Herbst 1874 in Breslau gelebt, aber dann war ihr Vater einem Ruf an die Universität Göttingen gefolgt, wo Mali Ebstein zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Erich aufwuchs.

Am 1. Mai 1908 verlobte sie sich mit dem Aachener Mathematikprofessor Otto Blumenthal. Er stammte aus Frankfurt am Main, hatte aber in Göttingen studiert. Bei der Verlobung war Mali noch jüdisch wie ihre Eltern. Da Otto Blumenthal zu Anfang seines Studiums zum Protestantismus übergetreten war, ließ sie sich am 5. Juli 1908 ebenfalls taufen, bevor die beiden am 12. August 1908 heirateten. Am 27. Juni 1911 wurde in Aachen ihre Tochter Margrete geboren und am 18. Februar 1914 ihr Sohn Ernst.

Die Familie lebte in Aachen zunächst in verschiedenen Häusern in der Rütscherstraße zur Miete. Erst 1933 gelang es ihnen, den lange gehegten Traum vom eigenen Haus mit Garten zu verwirklichen und in die Limburger Straße (die damals Beselerstraße hieß) umzuziehen.

Zu dieser Zeit trafen sie aber schon die ersten Auswirkungen der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Dass ihr Mann schon im April 1933 von seinem Lehramt suspendiert und vorübergehend in Haft genommen wurde, erfuhr Mali Blumenthal erst nachträglich, weil sie sich gerade in einer Kur befand, um eine Lungentuberkulose auszuheilen. Während die Eltern dafür sorgten, dass ihre Kinder rechtzeitig nach England emigrierten, blieben Mali und Otto Blumenthal zunächst in Aachen.

Erst nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde ihnen klar, dass auch sie Deutschland verlassen mussten. Am 13. Juli 1939 emigrierte Mali Blumenthal zusammen mit ihrem Mann in die Niederlande.

Ihr größter Wunsch war es, möglichst bald ihre Kinder wieder zu sehen. Es gelang ihnen tatsächlich, ein Visum für eine Besuchsreise nach England zu erhalten. Am 20. August 1939 sah Mali ihre Tochter Margrete wieder, als sie abends in der Londoner Liverpoolstreet ankamen, und am nächsten Tag in Manchester ihren Sohn Ernst. Ihr Besuch in England, der wohl für mindestens zwei Wochen geplant war, wurde allerdings der drohenden Kriegsgefahr überschattet. Alle Deutschen wurden aufgefordert, England zu verlassen. Mali Blumenthal, die unbedingt in der Nähe ihrer Kinder bleiben wollte, war dafür, illegal in England zu bleiben, ihr Mann konnte sich nicht dazu überwinden. Sie brachen ihre Reise vorzeitig ab und kehrten am 26. August 1939 nach Utrecht zurück. Fünf Tage später begann der Zweite Weltkrieg.

Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf die Niederlande am 10. Mai 1940 wurde den Blumenthals auch in den Niederlanden das Leben immer schwerer gemacht. Da Otto Blumenthal keine Arbeitserlaubnis hatte, lebten sie von karitativer Unterstützung. Die Auswirkungen der so genannten „Judenverordnungen“ trafen sie mit voller Wucht. Immer wieder wurden sie aus ihren „Wohnungen“ (die meist nur aus einem Zimmer bestanden) hinausgeworfen und zu erneuter Wohnungssuche gezwungen.

Während es ihrem Mann gelang, zeitweise dem bedrängenden Alltag zu entfliehen, indem er sich intensiv mit mathematischen Problemen beschäftigte, hatte Mali Blumenthal eine solche Rückzugsmöglichkeit nicht. Sie wurde immer verzweifelter.

Am 22. April 1943 wurden die Blumenthals interniert, zunächst im Konzentrationslager Vught und dann, zweieinhalb Wochen später, im Konzentrationslager Westerbork. Dort starb Mali Blumenthal am 21. Mai 1943. Mali Blumenthal wurde nach ihrem Tod im Lager Westerbork eingeäschert. Die Urne mit ihrer Asche wurde nach Diemen gebracht und dort auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.

Ihr Mann Otto Blumenthal schrieb zum Tod seiner Frau am Ende eines langen Briefes an seine Kinder:

„Schon im letzten Jahr in Utrecht ging es ihr schlecht. Die mangelnde Ernährung liess die alte Tuberkulose wieder aufflackern, die täglichen Geschäfte unseres armen kleinen Haushalts begannen ihre Kräfte zu übersteigen, und sie war schon am Erliegen, als wir in das Lager mussten. Das Lagerleben, das ihren Stolz, ihre Schönheitsliebe, ihr Feingefühl, ihren Reinlichkeitssinn jeden Augenblick beleidigte, hielt sie nicht aus. Sie verbrachte den letzten Monat in tiefer Melancholie. Die Lungenentzündung war nur das äusserliche, gnädige Ende.

Denkt immer an sie, wie fröhlich sie gern mit Euch gewesen ist und welchen Schwung sie dann hatte! Es ist ein unvergessbarer Jammer, dass diese Frau vollkommen unglücklich enden musste.“

Otto Blumenthal selber wurde am 18. Januar 1944 von Westerbork aus weiter nach Theresienstadt deportiert, wo er am 13. November 1944 starb.

Margrete Blumenthal legte im Jahre 1930 ihr Abitur am Gymnasium St. Ursula in Aachen ab. Anschließend studierte sie in Köln Anglistik und schloss das Studium 1935 mit einer Promotion ab. 1936 verließ sie Deutschland und emigrierte nach England. Sie arbeitete als Lehrerin in London und konvertierte nach dem Krieg zum jüdischen Glauben ihrer Großeltern. Sie starb 1980 in London.

Ernst Blumenthal legte 1932 am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, dem heutigen Einhard-Gymnasium, sein Abitur ab und nahm zunächst ein Studium in Aachen auf. Aufgrund der bedrohlichen Situation in Deutschland und auch schon konkreter Anfeindungen durch die Aachener Studierendenschaft schickten seine Eltern ihn jedoch bereits 1933 nach England. Ernst beendete dort sein Studium und arbeitete später als Chemiker. Er heiratete eine Engländerin und bekam drei Kinder. Er starb 1974 in Northwich.

Zum Gedenken an Otto Blumenthal liegt seit 2005 eine Gedenktafel der Wege gegen das Vergessen vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie in der Limberger Str. 22. Seine Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1942, die lange unentdeckt in seinem Nachlass lagerten und inzwischen als Buch herausgegeben wurden, enthalten zahlreiche Details über das Schicksal der Familie.

Die Verlegung eines Stolpersteines zur Erinnerung an Mali Blumenthal wurde durch Herrn Benoît Mores aus Antwerpen angeregt und auch finanziert. Er hatte bei einem Besuch in Aachen die Gedenktafel für Otto Blumenthal in der Limburger Straße gesehen und sich gewundert, dass vor dem Wohnhaus nicht auch an Mali erinnert wurde. Malis Schicksal war ihm bekannt, weil er sich intensiv mit Leben und Werk von Malis Vater, dem Göttinger Medizinprofessor Wilhelm Ebstein, beschäftigt hatte.

Die Familie Blumenthal

Mali und Ernst Blumenthal vor dem Aachener Rathaus