Else Clahsen
In einem Gespräch über Stolpersteinverlegungen in Aachen bat mich (W. Felsch) der Aachener Autor Helmut Clahsen, bei der Beantragung von Stolpersteinen gelegentlich auch einmal an seine Mutter Else Clahsen und seine Großmutter Paula Klein zu denken. Helmut Clahsen verstarb Ende 2015.
Über das Schicksal seiner Mutter Else Clahsen liegen schriftliche Aufzeichnungen von ihm vor, die größtenteils in seinem Buch Mama, was ist ein Judenbalg und als Kurzbiographien im Gedenkbuch für die Opfer der Shoah aus Aachen veröffentlicht wurden. Siehe auch den Film über Helmuth Clahsen unter:
https://www.youtube.com/watch?v=-ateoEfO4ts (Regie: Dr. Herbert Ruland, GrenzgeschichteDG Eupen)
Else Clahsen geb. Klein wurde am 23. November 1901 in Aachen als Tochter von Paula Klein geb. Herz und deren Ehemann Sigmund Klein geboren. Tragischerweise war ihr Vater einige Monate vor ihrer Geburt verstorben.
Else besuchte die jüdische Volksschule am Bergdriesch und anschließend die Mädchenrealschule in der Eilfschornsteinstraße. Sie studierte Musik und fand eine Anstellung als Pianistin am Aachener Theater.
1928 heiratete sie den Aachener Städtischen Angestellten Heinrich Clahsen, der Katholik war. Das Paar hatte fünf Kinder, die Zwillinge Adelheid und Hubertine, die 1929 geboren wurden und nur wenige Wochen lebten, Helmut (*16.6.1931), Heinrich (*24.4.1934) und Luzia (*30.12.1935). Elses Mann ließ die Kinder katholisch taufen. Im Juni 1934 bezog die Familie eine Eigentumswohnung im Johannistal 13 (heute Hausnummer 25).
Nach 1933 verlor Else Clahsen als Jüdin ihre Anstellung am Theater. Der Sohn Helmut erinnert sich, dass die Mutter am Klavier im Wohnzimmer wehmütig musizierte, aber auch, insbesondere wenn ihr Cousin Gustel aus Berlin zu Besuch kam, mit diesem sang, vierhändig spielte und durch die Wohnung tanzte, als gäbe es keine Nazis.
1937 schließlich wurde die Familie auseinander gerissen. Zu einer so genannten „Erfassung“ jüdischer Frauen und deren Kinder wurde Else Clahsen mit ihren 3 Kindern durch die NS-Gesundheitsbehörde zu einer Reihenuntersuchung in ein Aachener Krankenhaus beordert, deren grausame und demütigende Durchführung Helmut Clahsen als 6-jähriger Junge miterlebte. Diese unmenschliche und entwürdigende Aktion beschreibt er in seinem Buch detailliert.
Zahlreiche Frauen und Kinder mussten sich in einem großen Raum nackt ausziehen: „Angst! Ein Raum voll zitternder Angst! Zwei Frauen hatten sich nicht ausziehen wollen. Ihre Unterwäsche war durchblutet. Die furchtbaren Weiber rissen den armen Frauen unter Schlägen, Tritten und Beschimpfungen die Unterwäsche vom Körper. Die erwachsenen Frauen schauten entsetzt und verängstigt weg. Die meisten Kinder nicht. […] Die kollektive beschämende Nacktheit war unerträglich, und die Zeit wollte nicht vergehen. […] Als der Kerl in dem weißen Kittel Mamas Brüste ergriff und zudrückte, bis sie schrie, glaubte ich, ihren Schmerz zu fühlen. […] Diese Unmenschen, Männer wie Frauen, nannten uns wie sie wollten (Judenhuren, Judenhengste), demütigten und beschimpften uns. Alle Frauen weinten, wenn sie von der Untersuchung kamen.“
Infolge dieser Untersuchung wurden Else Clahsen wie auch zahlreiche andere der Frauen, die bei der „Erfassung“ dabei gewesen waren, einige Monate später aufgefordert, sich in die Isolierstation des Luisenhospitals zu begeben. Helmut Clahsen zitiert seine Oma: „Die hatten plötzlich alle dieselbe Krankheit. Tuberkulose. Einige haben Lungentuberkulose, andere Knochentuberkulose.“ Im Oktober 1938 wurde Else Clahsen ins St. Antonius-Krankenhaus in Wegberg eingewiesen. Besuche waren unter Strafandrohung verboten. Später wurde sie in verschiedene Kliniken in Mönchengladbach überstellt.
Während Else Clahsen nach Berichten ihres Sohnes zu Beginn der Hospitalisierung völlig gesund war, wurde sie in den Folgejahren zunehmend krank und hinfällig. Am 27. Januar 1941 verstarb sie nach Angaben auf der Sterbeurkunde in der Franziskus-Heilstätte M.Gladach an Tuberkulose. Helmut Clahsen berichtet, dass mehrere Familien in seinem Umfeld zur gleichen Zeit eine Todesnachricht über ihre hospitalisierten jüdischen Angehörigen bekamen.
Stolpersteinverlegung im Johannistal am 9. Juni 2022: