Familie Marx
Bei den Recherchen zu Erwin und Frieda Herz, zur Erinnerung an die wir 2023 Stolpersteine in der Lütticher Straße verlegt haben, haben wir auch ein Vernehmungsprotokoll von 1955 aus der sogenannten „Entschädigungsakte“ ausgewertet. Dort wurde Moritz Marx, ein Cousin von Frieda Herz vernommen, der die Verfolgung durch das NS-Regime überlebt hatte. Bei der Suche nach weiteren Informationen zu dessen Familie erfuhren wir, dass dessen Bruder Josef Marx mit seiner Frau Rosa und der gemeinsamen Tochter Else ebenfalls von Aachen aus deportiert und ermordet wurden.
Josef Marx wurde am 31.1.1891 in Bardenberg geboren als Sohn des Metzgers und Viehhändlers Albert Marx und dessen Ehefrau Julia geb. Rubens. Josef absolviert ebenso wie sein eineinhalb Jahre älterer Bruder Moritz eine Schneiderausbildung und eröffnet gemeinsam mit seinem Bruder in Aachen eine Herrenschneiderei. Im Jahre 1927 absolviert er die Meisterprüfung, aber schon 1922 findet man seine Herrenschneiderei im Branchenverzeichnis des Aachener Adressbuches, zunächst in der Lothringer Straße, später in der Wallstraße und dann in der Harscampstraße 64. In der Schneiderei wurde Herrenkleidung nach Maß gefertigt und das Geschäft lief in den 30er Jahren so gut, dass die Brüder 10 bis 12 Mitarbeiter beschäftigen konnten. Aus Angaben des überlebenden Bruders Moritz Marx in den Akten zum sog. Entschädigungsverfahren wissen wir, dass der Obermeister der Herrenschneider-Innung der Stadt Aachen nach 1945 das hohe Ansehen und die gute wirtschaftliche Situation des Betriebes bescheinigte.
Josef Marx heiratete die am 16.11.1891 in Aachen geborene Rosa Hirsch, viertes Kind der Eheleute Albert Hirsch und Henriette geb. Levy. Am 13.2.1924 wurde die gemeinsame Tochter Else Marx in Aachen geboren. Die junge Familie wohnte in einer Vier-Zimmer-Wohnung über der Schneiderei in der Harscampstraße.
Der Betrieb musste im Zuge der „Arisierungen“ zum 31.12.1938 schließen und alle Warenvorräte, die Betriebseinrichtung und das gesamte Barvermögen wurde von der Gestapo beschlagnahmt.
Ein Vergleich der Adressbucheinträge zu Marx im Personenregister aus den Jahren 1938 und 1940 zeigt die unterschiedliche Entwicklung für Josef und seinen Bruder Moritz, der wegen seiner Ehe mit einer Katholikin auch in der ersten Deportationswelle verschont blieb.
1938:
1940:
Im Eintrag von 1940 ist Josef überhaupt nicht mehr aufgeführt, Moritz steht dort noch unter der Adresse der Schneiderei mit dem zwangsweise hinzugefügten zweiten Vornamen Israel, den alle jüdischen Männer per Gesetz zusätzlich tragen mussten.
Andererseits wissen wir von den Recherchen zu Erwin Herz, dass Josef Marx 1940 in den Räumen der Jüdischen Gemeinde am Friedhof in der Lütticher Straße untergekommen war, vermutlich mit seiner Familie.
Zwischen 1940 und 1941 wurde Josef Marx im Zwangsarbeiterlager in Walheim interniert und zu Zwangsarbeiten im Straßenbau verpflichtet. Irgendwann wurde Josef Marx von der harten Zwangsarbeit in Walheim befreit und besserte bis zu seiner Deportation Kleidungsstücke für die im „Judenlager“ am Grünen Weg in Aachen internierten Menschen aus. In dem Lager lebte er schließlich mit seiner Frau Rosa und der Tochter Else bis zur Deportation.
Am 22. März 1942 wurden Josef, Rosa und Else Marx gemeinsam mit Erwin und Frieda Herz und zusammen mit vielen Aachener Jüdinnen und Juden von Aachen nach Izbica deportiert und vermutlich wenige Monate später ermordet.
Siehe die Einträge 149, 151 und 152 im Auszug aus einer Rekonstruktion der Deportationsliste ( Statistik des Holocaust) des Transports nach Izbica vom 22.3.1942:
Josefs Bruder Moritz Marx, der mit einer Katholikin verheiratet war und vermutlich deshalb den Holocaust überleben konnte, erhielt im September 1942 ein letztes Lebenszeichen von seinem Bruder aus Izbica.
Man weiß inzwischen, dass das Durchgangslager Izbica Ende Oktober 1942 aufgelöst wurde und die verbliebenen Inhaftierten in eines der Vernichtungslager Belzec, Sobibor oder Majdanek deportiert oder noch in Izbica ermordet wurden.
Fotos von der Verlegezeremonie am 21.2.2024: