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Walter Hasenclever Gesellschaft Version imprimable
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Um den großen Schüler Walter Hasenclever zu ehren, der 1908 „mehr schlecht als recht“ sein Abitur am Königlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, dem Vorläuferinstitut des Einhard-Gymnasiums, ablegte, beteiligt sich die Schule an der Walter-Hasenclever-Gesellschaft und an der Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen (in neuer Gestalt seit 1996 im Zwei-Jahres-Rhythmus).

Der Expressionist Hasenclever (1890-1940) wurde als jüdischer und intellektueller Schriftsteller Opfer des NS-Regimes; die Preisträgerinnen und Preisträger werden unter dem Kriterium gewählt, wie sie in literarischer Sprache die Abgründe diktatorischer Systeme aufspüren. Die Reihe der Geehrten ist renommiert; um nur einige herauszugreifen:

  • Peter Rühmkorf (1996)
  • George Tabori (1998)
  • Oskar Pastior (2000)
  • Marlene Streeruwitz (2002)
  • Friedrich Christian Delius (2004)
  • Herta Müller (2006)

Durch Besuche von Autorenlesungen, Theateraufführungen, Ausstellungen und wissenschaftlichen Vorträgen, aber auch der Preisverleihung, die oft in der Schulaula stattfindet, werden die Schülerinnen und Schüler an das kulturelle Leben in der regionalen und überregionalen Literaturlandschaft herangeführt. Als besonders gelungen darf hier der Kontakt zu Oskar Pastior hervorgehoben werden, zweifelsohne der komplexeste Sprachkünstler (Büchnerpreis-Träger im Jahr 2006), der in seinen - mit der chemischen Metapher der Spektralanalyse konzipierten -dadaistischen Wortreihen das paradoxe Zugleich von subversiver Begriffsverwirrung und suggestiv-synthetisierenden Reimen vermittelte. Mit dem intensiven Kontakt zu diesem Autor kann das didaktische Prinzip bewiesen werden, dass die SchülerInnen Qualität von sich aus mit Komplexität verbinden und solche Herausforderung als intensive Förderung mit Forschergeist durchaus erkennen können.

Die Auseinandersetzung mit der Preisträgerin 2006, Herta Müller, 1953 als „Banater Schwäbin" in Rumänien geboren und 1987 nach Westberlin ausgewandert „worden", steht unter den von der Autorin benannten Motti, die zwei Bewegungen zeigen, vom Leben hinein in die Literatur und mit der Literatur hinaus ins Leben: „der Krieg selbst geht in keinen Satz hinein" - „mit den literarischen Sätzen an meinem eigenen Leben arbeiten" mit der skeptischen Frage, „ob das Unwirklich-Erfundene sich das Wirklich-Geschehene vorstellen kann". In ihrer Dankesrede plädierte die Autorin dafür, dass die existentielle „Verweigerung" totalitärer Diktaturen schon in der Form des „Vorwurfs" an todbringende Angstmacher die wesentliche Sorge des Menschen um sein Leben sei: „Ich will nicht so werden wie sie [die Gewalt-Täter, die Töter]."

Mit besonderem Interesse verfolgen wir als Schule die Weiterentwicklung der Hasenclever-Preisträgerinnen und Preisträger und damit die Nachhaltigkeit unserer lokalen Preisvergabe. Dass bisher in der Reihe der Hasenclever-Preisträger auch zwei Nobelpreisträgerinnen herausragen, verdient sicher eine Hervorhebung, Elfriede Jelinek (2004) und Herta Müller (2009), vor allem für ihr Buch „Atemschaukel" über Oskar Pastior, der auch Hasenclever-Preisträger ist. Auf nationaler Ebene bedeutet die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis eine Krönung: Elfriede Jelinek 1998, Oskar Pastior postum 2006 und - AKTUELL - Friedrich Christian Delius 2011.

Der bisherige Höhepunkt für unser Schulleben war die Findung und Verleihung des Preises an Christoph Hein im Jahre 2008. Durch eine vom Studienreferendar David Trowitzsch, jetzt Deutsch- und Latein-Kollege in Korbach, initiierte Literaturpreis-AG wurde die Vermittlung des Preisträger-Werkes mit dem Kulturbetrieb der Stadt Aachen im Projekt „Aachen liest" in zwei Veranstaltungen vollzogen. Die schulinternen Preisträger eines Essay-Wettbewerbs wurden mit Buchpreisen durch die Stadt Aachen geehrt, gerahmt von Kunst- und Musik-Projekten zum Thema „Ausdruck der Angst" (Video-Slideshow, Kummerkisten-Arrangements, mit Trauer-Kammermusik bis zur Posaunen-Atonalität). Denn in Heins Roman „Willenbrock" (2000), der als erster Roman mit gesamtdeutscher Thematik und Milleniums-Fokus im Zentrum der Aktion stand, erscheint der Nietzsche-Aphorismus: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein". Nach dieser Vorbereitung war das Treffen mit Hein in unserer Aula ein in der Presse beachteter offener, dialogischer Austausch über Kunst als „Salto über dem Grab". Im Jahrbuch der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, jetzt im Vandenhoek & Ruprecht Verlag unter dem Titel „Literatur in der Moderne", herausgegeben vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Dr. Jürgen Egyptien, RWTH Aachen, ist unsere Auseinandersetzung mit Hein dokumentiert.

 

Der Preisträger des Jahres 2010, Ralf Rothmann, wurde in einer Podiumsdiskussion zu Kurzprosatexten des Erzählungsbandes „Ein Winter unter Hirschen" vorgestellt, mit dem Leiter der Literaturpreis-AG von Seiten der Schülerschaft, Tobias Tillmann, als kompetentem, kritischen Leser.

Wir ermutigen alle interessierten Schülerinnen und Schüler, sich in der Literaturpreis-AG zu engagieren (als Leserinnen und Leser, als Rezensentinnen und Rezensenten, als Teilnehmende an Lesungen, als Kulturbeobachtende) und das Votum unserer Schule im Preisfindungs-Kuratorium, jetzt im Blick auf das Jahr 2012, inhaltlich zu strukturieren. Dadurch bietet sich eine einmalige Gelegenheit, Autorinnen und Autoren hautnah zu erleben. Schülerinnen und Schüler werden hier in ihren Leseerfahrungen ernstgenommen und können aktiv über die Schulkultur hinaus die regionale Kulturlandschaft mitgestalten. Vor allem die Kontakte zu anderen Kuratoriumsmitgliedern, den Vertretern der Hochschule, des Kulturbetriebs, des Buchhandels, der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, des Literaturarchivs Marbach sowie der medialen Literaturkritik, bieten Chancen zur Horizonterweiterung und zu geistigen Bildungsreisen.

Neben der Verleihung des Walter-Hasenclever-Preises an Gegenwartsautorinnen und -autoren bietet die Hasenclever-Gesellschaft aber auch Veranstaltungen zum Kennenlernen des Namensgebers. So stellt der ehemalige Lehrer unserer Schule, Mitinitiator des Preises, Herr Jürgen Lauer, Leben und Werk Walter Hasenclevers ausführlich multimedial vor. Eine szenische Lesung zum Roman „Die Violine von Auschwitz", verfasst von der katalanischen Professorin für antike Mythologie, Maria Angels Anglada, vermittelt interessierten Schülerinnen und Schülern über die Kompositionen und Aktionen Aachener Musikschaffender für elektrische Geige und Schlagzeug einen Eindruck von der Ambivalenz der Musik zwischen Kriegshetze- und Versöhnungs-Melodik. Dieser besondere Weg zur interkulturellen, fächerverbindenden Vergegenwärtigung der Zeiterfahrungen Hasenclevers und seiner Generation im Kontext europäisch-jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte ist vorbildlich für die angestrebte anspruchsvolle wie anregende Jugendarbeit der Gesellschaft.

Verfasserinnen: Dr. Maria Behre/ Jutta Dehé