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Nicht mit der Gießkanne über alle Köpfe
- das funktioniert nicht"
Seit Beginn des neuen Schuljahrs ist Ralf Gablik
Schulleiter am Einhard-Gymnasium. Im Interview spricht er über Lehrer, Schüler und das
Schulsystem.
Aachener Nachrichten vom 15. September 2011
Foto: Alexander Wünsche
Der neue Schulleiter des Einhard-Gymnasiums, Ralf Gablik, setzt sich für
individuelle Förderung der Schüler ein.
Aachen. Ralf Gablik ist der neue
Schulleiter des Einhard-Gymnasiums. Er gehörte zuvor der erweiterten
Schulleitung des Kaiser-Karls-Gymnasiums an. Skandinavische Klassen mit 15
Schülern und einem Sozialarbeiter stellen für ihn ein Ideal dar, das in
Deutschland schwer zu verwirklichen ist. Doch auch in den größeren deutschen
Einheiten setzt er sich für die individuelle Förderung der Schüler ein.
Alexander Wünsche hat mit ihm gesprochen.
Die Schulleitung zu übernehmen, ist für viele Lehrer
Ziel und Abschluss ihrer Karriere. Wie sind Sie zum Lehrerberuf gekommen?
Gablik: Nach dem Abitur ging ich zur Bundeswehr,
anschließend Zivildienst. Ich habe beides gemacht, war Zeitsoldat und habe dann
verweigert. Ich gucke mir die Sachen vorher an, und wenn sie mir nicht
gefallen, mache ich sie nicht. Mein Opa war Meister in einem Krefelder Betrieb,
man wollte, dass ich Schlosser werde und Maschinenbau studiere. Ich bin nicht
der Typ, der am Zeichenbrett oder im Ingenieurbüro sitzt. Hinten herum, an
meinem Vater vorbei, habe ich mich dann an der Uni beworben.
Wie ging es dann weiter?
Gablik: Ab 1998 bekam ich eine Planstelle am
Kreisgymnasium in Heinsberg. Da war ich fast 37, damals lag die Altersgrenze
für die Verbeamtung bei 35, wurde irgendwann auf 40 angehoben, aber nicht für
mich als „Altlast". Ich habe neun Anträge gestellt, alle wurden abgelehnt,
versuchte zu klagen, war Musterfall des Philologenverbandes, der
Petitionsausschuss des Landtages beschäftigte sich damit. Dann habe ich mich
als Fachleiter in Aachen und Vettweiß beworben, bildete also Referendare aus.
Im August 2004 kam ich nach Aachen ans KKG. Ich habe in den sieben Jahren auch
immer unterrichtet, obwohl ich es nicht hätte tun müssen, weil ich so viele -
über 30 - Referendare betreute, war auch Fachberater der Bezirksregierung. Ich
wollte den Kontakt zu den Schülern aber nicht verlieren. Wie sollte ich
Referendaren sonst erzählen, wie sie mit einer Klasse 8 umgehen sollen, wenn
ich es selbst seit Jahren nicht mehr gemacht habe?
Nach welchem Prinzip unterrichten Sie?
Gablik: Wie fördere ich jeden Schüler nach seinen
individuellen Fähigkeiten, das ist die Frage, die über allem steht. Nicht ex
cathedra, mit der Gießkanne über alle Köpfe - diese Methode funktioniert nicht
wirklich gut, das hat man ja inzwischen eingesehen. Skandinavien macht uns vor,
wie Unterricht ablaufen könnte: nur 15 Schüler. Ein Sozialarbeiter sitzt mit in
der Klasse. Es gibt Vorräume, in denen in Sitzgruppen gearbeitet werden kann.
Hier herrschen ganz andere Rahmenbedingungen: ein Klassenraum, ein Lehrer, 30
Schüler. Hier wird es niemals 15 in einer Klasse geben, dafür haben wir nicht
das Geld. Und trotzdem ist es sinnvoll, bestimmte Dinge zu tun, denn man darf
nicht nur jammern. Wenn Schüler angehalten sind, den Unterricht oder Teile
davon maßgeblich mitzugestalten, dann ist das eine sinnvolle Sache.
Gruppenarbeit ist noch das Harmloseste, es geht darum, Schüler Dinge entwickeln
zu lassen. Sie sollen Vorträge halten, aber nicht irgendwas runterleiern, was
sie bei Wikipedia gelesen haben. Ich kenne den Unterricht noch ganz anders. Wir
saßen auf dem Gymnasium in der Mittelstufe mit 45 in einer Klasse und fragten
uns: „Wann ist das hier endlich zu Ende?" Diese Zeiten sind vorbei.
Es heißt, Sie sind ein beliebter Lehrer.
Gablik: Nein, nicht immer. Schüler lassen sich
mitreißen, wenn die Lehrperson auch begeistert ist, wenn sie sagt: „Ich habe
etwas für euch, da stehe ich hinter, das mag ich und das will ich." Das
Miteinander muss man entwickeln, aber nicht als Kumpel-Verhältnis - Lehrer und
Schüler sind niemals Kumpel. Aber in einem Miteinander mit gegenseitigem
Respekt bekommen Schüler ein Interesse an einem Projekt. Ich glaube, das ist
mir häufig gelungen, aber es funktioniert nicht imme. Zuletzt habe ich vor
zwei Jahren in einer Klasse 8 gemerkt, dass der offene Umgang nicht klappt.
Wie kam es zu Ihrer Bewerbung als Schulleiter am Einhard-Gymnasium?
Gablik: Vor etwa zwei Jahren kam ich auf die Idee,
zu gucken, was noch passieren könne. Ich war damals sechs Jahre Fachleiter,
habe alles gesehen. Ich habe immer versucht, Referendare als frische Besen an
die Schule zu schicken. Dabei habe ich oft erlebt, dass sie schon nach wenigen
Jahren von der Last des Alltags erdrückt wurden. Darunter litt der Unterricht.
Ich fragte mich, warum es immer noch so ist, dass nach der Qualitätsanalyse
gesagt wird, der Unterricht sei nicht offen genug und nicht schülerorientiert
genug, es werde zu viel doziert. Tatsächliche Veränderungen kann ich nur als
Schulleiter bewirken. Das war der entscheidende Auslöser zu sagen, ich wechsle
den Ort. Vor anderthalb Jahren habe ich dann die umfangreiche Fortbildung (SLQ)
absolviert und mich dann in Köln beworben. Dort werden die Kandidaten
ausgewählt und der Schule vorgestellt, die einen neuen Schulleiter braucht. Ich
war im Einhard-Gymnasium erst in der
Lehrerkonferenz und habe meine Ziele vorgestellt, anschließend war ich in der
Schulkonferenz, wo Eltern, Lehrer und Schüler sitzen. Dann wurde abgestimmt.
Der Dezernent, das Schulamt, die Stadt Aachen als Schulträger und der
Personalrat waren einverstanden. Wegen des Geldes habe ich es nicht gemacht -
ich bekomme als Angestellter nur wenig mehr im Monat.
Ihre Erwartungen an den neuen Job?
Gablik: Viel Arbeit. Eine große, gut funktionierende Schule, größer als
das KKG, viel Schlamassel mit den baulichen Maßnahmen, ein viel größeres
Kollegium, ich muss das Wollen und Können kennenlernen, wissen, was ich zu
schätzen habe, das ganze System durchblicken, den Kollegen das Gefühl geben,
dass es richtig ist, was sie machen, aber auch die einzelnen Komponenten auf
den Prüfstand stellen. Gibt es die Dinge, die man auch verändern könnte?
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