Nur ein ramponiertes Foto blieb der Familie als Erinnerung
Verbrechen der Nazi-Herrschaft sollen in Aachen nicht vergessen werden
Aachener Nachrichten vom 16.06.2009 von Georg Dünnwald und Peter Langohr.
Fotos: Harald Krömer, Ralf Roeger
Aachen. 14 weitere Pflastersteine aus Messing erinnern seit gestern als sogenannte Stolpersteine an 14 Aachener jüdischen Glaubens, die im deutschen Namen in Konzentrationslagern bestialisch ermordet wurden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig will mit diesen Stolpersteinen, auf denen der Name, der Geburtsjahrgang, der Tag der Deportation, das Todesjahr und der Todesort eingraviert sind, die Namen der Ermordeten in Erinnerung halten: „Nur der, dessen Namen vergessen wird, ist tot.“
Der 15. Juni 1942 war ein schrecklicher Tag für die in Aachen lebenden
Juden. Viele von ihnen wurden an diesem Tag vom Aachener Hauptbahnhof
aus nach Sobibor und in andere Vernichtungslager deportiert. In den
Konzentrationslagern wurden sie von den Nazis ins Gas geschickt. Diana
Mathes aus New York, eine Enkelin der in Sobibor ermordeten Tina und
Erich Mathes, erzählt: „Ein ramponiertes Foto ist alles, was von meinen
Großeltern übriggeblieben ist.“ Das Foto trug ihr Vater, der
rechtzeitig vor den Nazischergen fliehen konnte, stets bei sich. Nach
einer neunjährigen Odyssee konnte er sich schließlich in Philadelphia
(USA) niederlassen.
Nur wenig mehr ist den Kindern, Enkeln und Urenkeln von Anna Amberg
geblieben. „Kurz vor ihrer Deportation nach Sobibor am 15. Juni sorgte
sie dafür, dass eine in Maastricht lebende Bekannte einen
Verlobungsring, ein silbernes Gewürzfass und ein Bild der Amsterdamer
portugiesischen Synagoge verstecken konnte“, erklärt der Enkel von Anna
Amberg, Francis Treuherz, der mit seinem 15-jährigen Sohn Eliezer nach
Aachen gekommen ist. Nach dem Krieg wurden die drei Erbstücke
zurückgegeben. Noch heute sind sie im Familienbesitz, das silberne
Gewürzfass wird immer an hohen jüdischen Feiertagen benutzt, Francis
Treuherz selbst ist Mitglied der portugiesischen Synagoge in London.
„So schließt sich der Kreis“, sagt er. An Anna Charlotte Amber erinnert
nun vor ihrem letzten Wohnsitz in der Salierallee 7 ebenso ein
glänzender Messingstolperstein wie vor den Stammwohnsitzen der anderen
13 jüdischen Bürger. Beispielsweise an Hilde, Ingeborg und Simon
Borkowski vor dem Haus Freunder Landstraße 60. Ingeborg war ein kleines
Mädchen. Erst sechseinhalb Jahre war sie alt, als die Nazis sie im
Viehwaggon nach Sobibor brachten. Von ihr, von ihrer Mutter Hilde,
geborene Heumann, Jahrgang 1908, und ihrem Vater Simon, der schon knapp
38-jährig ein Jahr vorher ins Ghetto Lodz deportiert wurde, fehlt jede
Spur.
Am 8. Mai 1945 wurden die Borkowskis, so wie Oma Netta Heumann, für tot
erklärt. Auch diese Familie trat am 15. Juni 1942 auf einem Nebengleis
des Aachener Hauptbahnhofs den Weg in den Tod an. Schon vorher waren
sie im Haarener Lager Hergelsmühle eingesperrt. Der Brander
Bürgerverein hat sich dafür stark gemacht, dass vor dem jetzigen
Brander Kinderheim die Stolpersteine für die Familie Heumann/Borkowski
und vor dem Haus Trierer Straße 723 fünf Stolpersteine für die Familien
Mathes gesetzt wurden.
Josef Mathes war 60 Jahre alt, Tina Mathes
sollte eine Woche nach ihrer Deportation 60 Jahre alt werden, Erich
Mathes war gerade mal 16 Jahre alt. Und auch das junge Ehepaar Else
Elkan, geborene Mathes (29 Jahre) und Ernst Elkan, 38, wurden in
Vernichtungslager überführt. Sie starben vermutlich in Auschwitz. Die
Grundschulen und die Gesamtschule Brand übernahmen die Patenschaften.
Das Einhard-Gymnasium hatte die Patenschaften für Frau Ambergs
Stolperstein übernommen und für den der Lili Frankenstein. Von der
ehemaligen Studienrätin Frankenstein kam keiner der Verwandten nach
Aachen, 52-jährig wurde sie am 15. Juni 1942 nach Izbica deportiert, wo
sie vermutlich auch ermordet wurde. Schon neun Jahre vorher wurde sie
aus dem Schuldienst entfernt, sie wurde Opfer des „Gesetzes zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Vor dem Haus Triebelsstraße 2
mahnt jetzt der Stolperstein an die Greueltaten im Dritten Reich.
Drei
weitere Stolpersteine schließlich wurden vor dem Haus Pastorplatz 1
eingelassen. Das Anne-Frank-Gymnasium übernahm die Patenschaft, denn in
diesem Haus wohnten eine Zeit lang Edith Frank, geborene Holländer, und
ihre beiden Töchter Margot und Anne. Edith Frank starb am 6. Januar
1945 im Vernichtungslager Auschwitz fast 45-jährig an Hunger und
Erschöpfung, ihre beiden Töchter litten Hungerqualen und
Typhusschmerzen im KZ Bergen-Belsen und kamen dort im März 1945 zu
Tode. Der Gedenktag selbst blieb ganz den Kindern und Jugendlichen der
Marktschule, der Gesamtschule Brand und des evangelischen Kinderheims
vorbehalten.
Der 15. Juni als Gedenktag an eine Zeit, die sich nie mehr wiederholen
darf, und als Erinnerungsmarke für diejenigen, die wieder Hassgefühle
und Ressentiments gegen Juden und Menschen anderer Rassen, Religionen
und Hautfarben hegen, ging gestern vielen unter die Haut. In einer
Feierstunde auf dem Brander Markt vor der Gedenkstelle für die
jüdischen Opfer erinnerten die Brander Bürger mit Musik und
literarischen und selbst verfassten Texten an die Ermordeten. Rabbiner
Max Bohrer sprach ein kurzes Grußwort: „Es ist eine Ehre für die
jüdische Gemeinde, wenn ihrer Toten durch die nichtjüdischen Mitbürger
gedacht wird.“
Und im Weißen Saal des Rathauses erinnerte Bürgermeisterin Sabine
Verheyen an das Leid und Elend der Verfolgten im Dritten Reich. Das
dürfe sich nicht wiederholen. „Wehret den Anfängen“, forderte sie vor
den Nachkommen der Ermordeten.
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